Geschluder : Benzin
Weisse Buchstaben ziehen Linien hinter sich her, verschmierte Ränder, wie frisch gemalt und betatscht, den Finger in die Farbe getunkt und entlanggefahren, sie blinken silbrig wie der Mond, der zwischen zwei Bergspitzen schaukelt : Churfirsten : über mir in milchigen Schlieren. Die Tachonadel kratzt an der 130, der Tank ist voll, ich bin voll, die Welt ist voll : voller Wunder und voller Bedeutung, alles atmet, zieht sich zusammen, wird kurz eingedellt, spröde, rissig, dann bläst es sich wieder auf : straff und glänzend, strömend. Der Geruch von Zoo in meiner Nase, gleich wieder fort : der Geruch von abgestandener Pflanzenerde in meiner Nase : gleich fort, fort : es bleibt der Geruch nach Benzin. Ich mag den Geruch von Benzin. Me gusta la gasolina schreit mich Daddy Yankee durch die Kopfhörer an.
Zúmbale mambo pa' que mi gata prenda lo' motore'
Zúmbale mambo pa' que mi gata prenda lo' motore'
Zúmbale mambo pa' que mi gata prenda lo' motore'
Que se preparen que lo que viene es pa' que le den (duro)
Zúmbale mambo pa' que mi gata prenda lo' motore'
Zúmbale mambo pa' que mi gata prenda lo' motore'
Que se preparen que lo que viene es pa' que le den (duro)
Dame mas gasolina : bitte, bitte, lass das Benzin nicht ausgehen bis Chur.
Ich hatte bei Rheinfelden getankt. Versucht, vom Motorrad zu steigen, dabei knickten mir die Beine weg und die Sicht wurde kurz klar. Dann gings wieder : ich riss mich zusammen und die silberne Mündung des Schlauchs aus dem dunklen Loch der Tanköffnung. Verdampfende Benzintröpfchen flohen auseinander und krochen Haken schlagend am Lack herauf. Schläfen kühl – es ging wieder. Ich verengte meinen Blick und sah den Eingang des Tankstellenshops, peilte ihn an, hatte ihn manifestiert mit meiner Bewusstseinsscheibe, ganz zweidimensional, eine automatische Glastür, ich hindurch, rechts zur Kasse, die Frau dahinter schien nicht zu bemerken, dass ich sie gerade erst mit einem tzirufimins Leben gerufen hatte. So echt : so glänzend. Ich zahlte und stelzte zurück zum Töff. Aufsitzen und wieder alles brennen lassen in meinem Blickfeld, die Alpen, die Schilder, die anderen Verkehrsteilnehmer:innen. Woher die kamen? Aus einem Film, flimste es in mir, es glommen Gedanken an Fellinis Città delle donne auf. Dottore Snaporaz vom Claraplatz. Smig : Smag : Smig
Ein Alb sitzt auf dem Sozius und ruft mir etwas zu, ich verstehe ihn nicht durch das Getöse der Autobahn und der Kopfhörer : sitzt mir auf : das Gespenst, das in der Wohnung in Piacenza gelebt hat, wo Jo und ich in den Ferien waren, in 1%er Kutte : warum sucht er mich auf, habe ich ihn nicht genug mit Milch und Taralli gefüttert? Warum schlingt er seine Arme so eng um meine Hüfte?
Der Alb wühlt in meinen Organen und sucht nach Zeichen irgendeiner Zukunft, die noch möglich ist. Wo ist der Spalt, durch den er durchkriechen kann? Mein Darm macht die Innenschau nicht mit, ich bin zu verstopft. Die Jeans sind zu eng, auf dem Töff drückt es mir den Bauch in Falten zu einer Handorgel.
Eine Zeichenschrift ist eingraviert auf meiner Leber. Sie singt von den Toten und den Schuldigen, den Himmeln und den Schwertern. Sie ist unleserlich, der Alkohol und die Medikamente haben das Organ zu sehr vernarbt. Der Alb beherrscht keine Hepatoskopie, sonst könnte er die Schrift lesen, die vielleicht das vernarbte Fleisch ist, die knotigen Buchstaben auf meiner Leber.